Deshalb bittet der FCW den Petardenwerfer zur Kasse

6. März 2018



 

Während des Derbys zwischen dem FC Winterthur und dem FC Zürich im letzten Mai detonierte eine Knallpetarde auf dem Rasen. Der FCW kassierte dafür von der Swiss Football League (SFL) eine fünfstellige Busse – und will diese nun auf den Täter abwälzen, der bereits ein Stadionverbot erhalten hat. Was bezweckt der Klub damit, der für seine tolerante Fanpolitik bekannt ist?

Der Fall hat für ein landesweites mediales Aufsehen gesorgt. Die Frage kam auf: Warum knüpft sich nicht ein grosser Klub, sondern ausgerechnet der FCW einen fehlbaren Zuschauer vor? Ausgerechnet derjenige Klub, der seit vielen Jahren erfolgreich eine offene und tolerante Fanpolitik betreibt, seinen Fans möglichst viel Freiraum und Gestaltungsmöglichkeiten gibt und sich immer wieder gegen die populistische Schubladisierung und Kriminalisierung von Fussballfans stellt…

Es sind zwei Gründe, die ausschlaggebend sind.

Der eine Grund ist naheliegend: Wir brauchen das knappe Geld für den Fussball.

Das Produkt „Fussball“ kann im kleinen Schweizer Markt allerhöchstens punktuell gewinnbringend vermarktet werden. Unter dem Strich sind abgesehen vom FC Basel alle Klubs defizitär – egal wie seriös, fleissig und innovativ sie arbeiten. Das heisst: Zwischen ehrlich ausgewiesenem Aufwand und kommerziell erzieltem Ertrag klafft ein strukturelles Defizit, das nur durch Mäzene/Sponsoren gedeckt werden kann. Alle Ausgaben (und Ambitionen), die trotzdem nicht durch eine Einnahmequelle gedeckt werden können, müssen weggespart werden – oder der Klub gerät in die Schuldenfalle.

Das ist nicht nur im Fussball so. Das Sponsoring und Mäzenatentum (also der Goodwill, ein gesellschaftlich wünschbares, aber nicht gewinnbringendes Produkt zu finanzieren) ist einer der wesentlichen Besonderheiten, welche die Sparten Sport und Kultur von anderen Bereichen im freien Markt unterscheiden.

Doch dieser regional unterschiedlich ausgeprägte Goodwill ist nicht unendlich strapazierbar und erfordert auf der Empfängerseite viel Fingerspitzengefühl.

So muss auch ein Fussballklub wie der FCW sich jedes Jahr von Neuem an die Decke strecken und mit grössten Anstrengungen ein realistisches Budget ausarbeiten, mit dem die Bedürfnisse und Erwartungen an einen Fussballverein einigermassen und schuldenfrei gedeckt werden können.

Auf den Punkt gebracht: Wir brauchen jeden Rappen für den Fussballbetrieb und können/wollen nicht nebenbei noch Egotripps einzelner Mitglieder der Spassgesellschaft finanzieren, die sich in erster Linie um ihr eigenes Wohl kümmern und denen der FCW egal ist.

Die Milchbüchlirechnung ist auch für Nicht-Betriebswirtschafter ganz einfach nachzuvollziehen: Wenn wir eine nicht einkalkulierte Geldstrafe von 12‘000 Franken bezahlen müssen, müssen wir diese 12‘000 Franken in einem anderen Bereich wegsparen. Zum Beispiel bei den Junioren, der Fanarbeit, der Infrastruktur oder beim Personal, das sich sowieso schon mit bescheidenen Löhnen zufrieden gibt. Das wollen wir nicht akzeptieren.

Der andere Grund ist eben genau die liberale Fanpolitik des FCW, die es zu verteidigen gilt.

Der FCW steht für eine tolerante und engagierte Fankultur. Wir nehmen unsere Fans ernst und wollen ihnen möglichst viele Freiheiten und möglichst wenig Schikanen bieten. Wir sehen den Fussball als gesellschaftliches Ereignis, das weit über den sportlichen Akt und das nackte Matchresultat hinausgeht. Die Schützenwiese ist ein kultureller Mikrokosmos, ein Stück Heimat und das grösste Jugendhaus der Region. Deshalb kämpfen wir auch gegen unnötige Sicherheitsvorschriften und für möglichst viel Bewegungsfreiheit im Stadion.

Fussball heisst Emotionen, da soll auch mal einer über die Stränge schlagen dürfen. Aber wie im Alltag gilt auch für die Fans und alle Zuschauer/innen im Stadion Schützenwiese: Freiheiten geniessen heisst auch ein Gespür dafür entwickeln und Verantwortung übernehmen.

Damit die Freiheit ein Gesicht bekommt, müssen wir als Klub unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, klare Grenzen setzen und diese transparent kommunizieren. Deshalb engagieren wir uns dezidiert gegen Gewalt und Diskriminierung – und animieren unsere Fans, dies auch zu tun. Wir haben den Rahmen u.a. in unserer Sozialcharta und in der Stadionordnung abgesteckt.

Wer die Grenzen überschreitet, gefährdet unsere spezielle Fankultur und die Freiräume auf der Schützi. Wenn wir grobe Überschreitungen nicht konsequent ahnden, werden die Stadien mehr und mehr zu geschlossenen, videoüberwachten Affenkäfigen, welche die Negativspirale fördern. Das ist nicht die Fussballkultur, den wir wollen.

Über die Möglichkeiten von kontrolliert gezündeten Pyros sollte man meiner Meinung nach im Interesse aller Beteiligten diskutieren. Für einen nicht unwesentlichen Teil der aktiven Fanszene gehören Pyros zur Fankultur. Mit Repression allein lässt sich diese Kultur nicht aus den Stadien vertreiben – im Gegenteil. Die heutige Handhabung polarisiert und kriminalisiert unnötig viele junge Menschen, die der Gesellschaft und den Klubs gar keinen Schaden zufügen wollen. Aber es ist klar: Solange für Pyros keine legalen Lösungen definiert sind, sind sie nicht erlaubt.

Das Zünden von Knallpetarden ist definitiv nicht verhandelbar. Wer blosse Sprengkörper im Publikum zündet, übt auf eine feige und heimtückische Art Gewalt und Macht aus, der man sich als Zuschauer nicht entziehen kann. Der Täter will andere Menschen offensichtlich erschrecken und gefährdet zudem ihre Gesundheit grobfahrlässig (Gehör, Augenlicht etc.). Deshalb sind Petarden auch in vielen Fankurven zu recht verpönt. Die vorwiegend positiven Reaktionen zu unserem Vorgehen in diesem Fall bestätigt uns in unserer Meinung. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Täter ein egoistisches Mitglied der Spassgesellschaft oder ein treuer Fan ist.

Das Motto des FCW ist und bleibt: Wir stehen ein für Respekt, Toleranz und Weltoffenheit. Gegen Diskriminierung und Gewalt.

Bitte warten